Persönlichkeitsentwicklung

Frau Professor und ihre Spätfolgen


Der erste Blogbeitrag des Jahres befasst sich mit einem Thema, das sich für gute Vorsätze nahezu anbietet: Vorurteile.

Wir alle tragen ein Bündel an Lebenserfahrung mit uns herum, egal ob wir 7, 17 oder 77 Jahre alt sind. Diese Erfahrungen und die daraus erlernten Verhaltensmuster beeinflussen unsere Entscheidungen, Beurteilungen und Reaktionen. Wie bewusst steuern wir also unser Leben? Was bestimmt das Verhalten der Menschen rund um uns, in der Familie, im Job? Wie objektiv beurteilen wir andere oder werden selbst beurteilt?

Ich war vor kurzem zu Gast bei einem Impulsvortrag, der sich mit Unconscious Bias beschäftigt. In der wissenschaftlichen Definition ist dies eine unbewusste Vorannahme. Was hier weicher klingt, ist nichts anderes als die berühmte Schublade, in die wir unser Gegenüber stecken. Der Vortragende, Manfred J. Wondrak, MBA, CMC, Geschäftsführer der factor-D Diversity Consulting GmbH, machte mit seinem Publikum gleich die Probe aufs Exempel und präsentierte uns vier verschiedene Typen von Männern in Businessoutfit und Managementposen:

  • einen blonden, schmächtigen Brillenträger
  • einen dunkelhäutigen Dreitagesbartträger
  • einen sehr Beleibten
  • einen großen, sportlichen Dunkelhaarigen

Das Szenario: alle vier bewerben sich für einen Vorstandsposten. Das Publikum sollte raten, wer das Rennen macht. Unisono, mich eingeschlossen, tippte die Mehrheit auf den großen, sportlichen Dunkelhaarigen. Und wir bildeten damit die Realität ab. „Fast 60% der männlichen CEOs der Fortune-500-Firmen in den USA sind größer als 182cm, obwohl nur 15% der US-amerikanischen Bevölkerung dieser Größe entspricht“ [Size Matters! Körpergröße entscheidet über beruflichen Erfolg; Manfred Wondrak | Dezember 28 – 2014.] Ein schockierendes Ergebnis, oder?

jobsuche50+_minardi_professorinWir alle haben persönliche Stereotype. Sie schlagen zu, sobald wir eines Menschen ansichtig werden. Ich persönlich habe negative Gefühle beim Anblick sehr kleiner (ca. 1,50 m), sehr dicker, blonder Frauen mit schriller Stimme. Im Gymnasium hat mich eine Professorin dieses Typs zwei Jahre lang massiv gequält, wir nannten sie damals in jugendlicher Unbekümmertheit „Kubikmeter“. (Ja, wir waren auch nicht nett zu ihr.) Frauen in dieser Ausprägung sind selten und daher hatte ich wahrscheinlich das Glück, dass mir die unbewusste Assoziation eines Tages bewusst geworden ist. Es gelingt mir nicht immer, die ungeliebte Frau Professor beim Anblick einer kleinen, dicken Blondine in den Tiefen meiner Erinnerung stecken zu lassen, aber seit ich die Ursache für meine automatisierte Antipathie kenne, kann ich rational dagegen angehen und versuche mich ein zweites Mal bewusst und möglichst wertfrei auf die nette, etwas rundliche Dame mit der markanten Stimme einlassen.

Nicht immer müssen persönliche Erlebnisse die Ursache für Vorurteile sein. Unbewusst übernommene Meinungen können genauso zu Beurteilungen führen, die negativ für beide Seiten sind. Eine Unternehmensberaterin, 52, erzählte mir, dass ein Kunde für eine ausgeschriebene Stelle als Büroassistenz nicht nur Männer explizit ausschloss, sondern auch eine Altersbeschränkung nannte. Die Kandidatinnen für die engere Wahl sollten zwischen 32 und 38 Jahren sein. Auf die Frage: „Also würden Sie mich gar nicht mehr einladen?“ kam zuerst betretenes Schweigen und dann die Antwort: „ Sie haben recht, das sollte ich nochmal überdenken. War halt bisher immer so.“

Sehr oft hinterfragen wir unsere Motivation, die hinter unseren Entscheidungen steckt, gar nicht mehr. Wir glauben fest daran, dass unsere ureigensten, rationalen Überlegungen dahinter stecken und das „Bauchgefühl“ uns schon richtig leiten wird, denn immerhin haben wir ja schon jede Menge Lebenserfahrung gesammelt. Hält man aber inne und stellt kritische Fragen an sich selbst, kommt so manche überraschende Erkenntnis ans Licht.

Manfred Wondrak hat in seinem Vortrag auch eine kurze Anleitung gegeben, mittels derer „blinde Flecken“ ausgeleuchtet werden können. Es ist sicherlich harte Arbeit, aber der Lohn ist, mehr über sich zu erfahren und vielleicht auch bessere Entscheidungen zu treffen.  http://www.anti-bias.at/anti-bias/schritte-gegen-bias/

Diese Übung sei auch jenen Personalmanagern und Unternehmern wärmstens empfohlen, die aufgrund des Alters Kandidaten aussortieren, die noch viel zu geben hätten.

jobsuche50+_minardi_team

Spacige Grüße
Roswitha

http://www.anti-bias.at/
http://www.charta-der-vielfalt.de/service/publikationen/vielfalt-erkennen/unconscious-bias.html

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