Gastkommentare

Große Chance, die Richtung im Leben neu festzulegen


Birgitt Wodon-LauboeckIch möchte in diesem Blog auch andere Stimmen erklingen lassen, Erfahrungsberichte und Meinungen austauschen und das Thema aus anderen Blickwinkeln beleuchten.

Hier ist also der erste Gastkommentar, ein Erfahrungsbericht in Form eines Interviews mit
Drin Birgitt Wodon-Lauboeck.

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Liebe Birgitt, Du bist promovierte Juristin und blickst auf eine langjährige Karriere im Bankenwesen zurück. Im Februar 2013 wurdest Du völlig überraschend vor die Tatsache gestellt, dass Deine Mitarbeit nach langer Firmenzugehörigkeit nicht mehr benötigt wird.

Wie wurde diese Entscheidung begründet?

Wirkliche Begründung gab es eigentlich keine. Mir wurde die Kündigung ausschließlich über den Betriebsrat angezeigt. Es gab nicht einmal ein persönliches Gespräch mit dem Vorstand, mit dem ich immer direkt zusammengearbeitet habe, was ich als massiven emotionalen Vertrauensbruch empfand. Nach einer Beratung durch die Gewerkschaft habe ich eine Klage wegen Sozialwidrigkeit der Kündigung angedroht und so kam letztlich eine einvernehmliche Auflösung zustande.

Der wahre Grund war eine geänderte Personalpolitik. Ein ehemaliger Abteilungsleiter wurde wieder in die Bank zurückgeholt und ich wusste aus der Erfahrung, dass mit diesem eine wertschätzende Zusammenarbeit nicht möglich ist.

Was war Deine erste Reaktion auf die neue Situation? Wie hast Du die Nachricht emotional und praktisch bewältigt?

Zuerst war ich natürlich massiv verunsichert. Ich bin über 50 und habe zwei noch in Ausbildung befindliche Kinder. Ich hatte einigermaßen gut verdient und machte mir natürlich Sorgen um die Zukunft. Große Unterstützung und viel Trost fand ich bei meinem Partner. Er hatte selbst schon Erfahrung mit solchen Situationen und hat mir immer wieder Mut gemacht. Finanziell habe ich mich freilich neu orientieren müssen, zum Glück habe ich eine kleine Reserve.

Welche Erfahrungen hast Du bei Bewerbungen gemacht?

Ich habe mich für mehrere Positionen im Bankwesen beworben und mein Eindruck ist, dass jüngere Kolleginnen oder Kollegen bevorzugt werden, da ich auf Grund meiner Erfahrungen zu teuer bin. In einem Bewerbungsgespräch, das wirklich gut gelaufen ist, habe ich regelrecht das Zusammenzucken gesehen, als ich meine Gehaltsvorstellungen genannt habe. Wäre ich 40, sähe die Sache doch besser aus. Ich habe auch den Eindruck, dass es hintergründige Annahmen gibt: wer mit 50 noch aus dem Job ausscheidet, da muss doch was gewesen sein.

Die Bewerbungsgespräche selbst habe ich interessant bis frustrierend empfunden. Teilweise ist die Gesprächskultur katastrophal, insbesondere bei Staatlichen Banken. Vor einem Gespräch wurde ich z.B. zum Warten in ein Raucher- bzw. Abstellkammerl mit vollen Aschenbechern und kaputten Stühlen gesteckt, bevor ich zum Interview abgeholt wurde. Ich ging von einer Vorstellung bei einem Abteilungsleiter und einem Gruppenleiter aus, fand mich aber einem Prüfungsgremium von sieben Personen gegenüber! Gleich zur Einleitung wurde mir von der Personalistin erklärt, dass ich vorerst einen befristeten Vertrag über ein Jahr mit kollektivvertraglicher Entlohnung bekommen würde. Alles in allem empfand ich das nicht als wertschätzenden Umgang mit einer Bewerberin.

Negative Erfahrungen habe ich mit elektronischen Bewerbungs-Datenbanken gemacht. Es gibt hier keinerlei direkte Kommunikation, ich muss meine Daten direkt eingeben, ohne zu wissen wer berechtigt ist diese einzusehen! – Wie kann sichergestellt werden, dass nicht irgendwelche, kurzfristige Mitarbeiter die Daten kopieren oder missbräuchlich verwenden? Für die Auswahl erfolgt dann auch eine elektronische Vorselektion und wenn  ich, ohne es zu erkennen, ein bestimmtes Hakerl nicht gesetzt habe, werde ich nie ausgewählt.  Ich habe MICH als Person anzubieten, ich möchte nicht auf einen Datensatz reduziert werden! Auch entwickeln sich diese Bewerbungsdateien gewiss zu riesigen Datenfriedhöfen, denn nicht alle Teilnehmer löschen ihre Eingaben wieder.

Wie sind Deine Erfahrungen mit dem Service des AMS?

Über das AMS kann ich fast nur Gutes berichten. Meine Betreuerinnen haben mich beim Prozedere sehr gut unterstützt, auch wenn sie im Gespräch offen bekannt haben, dass sie keine „Expertinnen für die Vermittlung von Juristinnen mit langjähriger Bankerfahrung“ sind. Aktive Mitarbeit von Seiten der Arbeitssuchenden ist aber auf jeden Fall von Vorteil! Ich habe schon vor dem ersten Gespräch mit dem AMS in Eigeninitiative mein eAMS-Konto angelegt und mich über Kursangebote informiert. Von mir aufgezeigte Weiterbildungswünsche habe ich auch erhalten, sofern sie über das AMS möglich sind. Ich habe z.B. Kurse in Englisch und Personalrecht gemacht. Nur wer selbst keinerlei Initiative zeigt, wird vom AMS mit Kursen „beglückt“ werden! Und es gibt sicher auch große Unterschiede zwischen den AMS-Geschäftsstellen, man muss schon auch Glück haben.

Hast Du passende Stellenvorschläge vom AMS bekommen?

Ich habe nur zwei Vorschläge bekommen. Davon hat einer bezüglich der Erfahrungsqualifikation nicht gepasst, der zweite vordergründig schon. Allerdings hat die HR-Agentur dahinter noch andere Punkte „versteckt“, d.h. im Endeffekt suchte der Personalberater jemanden mit umfassender Auslandserfahrung, hat es aber nicht reingeschrieben um das Unternehmen nicht erkennbar zu machen. Auch hier wurde ich übrigens wieder aufgefordert, mich in eine Bewerberdatei einzutragen! Der Hintergrund dürfte sein, dass sich die Personalberater gerne mit vollen Dateien brüsten.

Wie schätzt Du die Job Sicherheit von älteren MitarbeiterInnen in der Finanzbranche generell ein?

Schlecht! Alle österreichischen Banken bauen ab und wenn, werden überall günstigere Arbeitskräfte gesucht, d.h. ältere gegen jüngere ausgetauscht.

Was muss sich ändern, damit der Arbeitsmarkt fit für erfahrene Arbeitnehmer wird?

Das AMS sollte älteren Jobsuchenden nicht nur spezielle Weiterbildungsmaßnahmen anbieten, sondern auch ein persönliches Coaching. Und damit meine ich nicht „Wie bewerbe ich mich richtig“, sondern gezielte moralische, psychologische, strategische Unterstützung in einem persönlichen Gespräch. Vor allem aber müssen Dienstgeber mehr Verantwortung für ihre Mitarbeiter übernehmen. Der nachhaltige Erfolg eines Unternehmens ist nicht allein über Kosteneffizienz erreichbar! Ziel eines jeden Unternehmens kann nicht nur die Gewinnmaximierung des Eigentümers (Shareholder Value) sein, vielmehr gehört dazu auch, den Dienstnehmern ein entsprechendes Einkommen und entsprechende Lebensqualität zu bieten. Das ist nachhaltiger Unternehmenserfolg! – Hier zeigt die Gemeinwohlökonomie neue Wege auf.

Was sind Deine persönlichen Strategien für die Zukunft?

Ich werde meine Beratungskompetenz für die Markteinführung und den Vertrieb eines neuen Produktes verwenden und mich zusammen mit einem Partner selbständig machen. Derzeit befinde ich mich im Unternehmensgründungsprogramm des AMS und wir werden in einigen Monaten optimierte Hausautomatisierung für bestehende Gebäude anbieten.

Welche Botschaft hast Du für Menschen, die in derselben Situation sind, 50+ und auf Arbeitssuche?

Nicht blind weiterlaufen, egal in welche Richtung! Innehalten, den Standort bestimmen, versuchen das Positive an der Situation zu erkennen. Dieser Bruch ist eine große Chance, die Richtung im Leben neu festzulegen.

 

Liebe Birgitt, vielen Dank für das ausführliche und persönliche Gespräch und viel Erfolg mit Deinen Zukunftsplänen!

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