Arbeitsmarktsituation

Down under and all over?


„Der Widerstand der Arbeitgeber gegen die Einstellung älterer Arbeitnehmern kostet den Staat jährlich 7 Milliarden Euro.“

Eine horrende summe, die sich nicht auf Österreich beziehen kann, die kernaussage klingt jedoch vertraut in unseren ohren, nicht wahr? Verblüffend ist allerdings, dass dieses statement auch nicht aus Deutschland, Frankreich oder einem anderen europäischen staat mit hohen lohnkosten kommt, sondern von Age Discrimination Commissioner Susan Ryan vor dem Australian National Press Club gemacht wurde. Überraschender weise sind aber auf unserem antipoden offenbar nicht, wie hierzulande oft begründet, die lohnkosten der ausschlaggebende faktor für die nichteinstellung von älteren arbeitskräften.

Woran liegt es also, dass ältere arbeitnehmer sowohl in Austria als auch in Australia vor denselben herausforderungen stehen? Arbeitslosigkeit 50+ als globales problem? Wenn es nicht die kosten sind, wo liegt dann der hund begraben? Einige kommentatoren vertreten die these, dass das menschliche sozialverhalten einer der treiber für diese situation sei. In den letzten jahren wurde die kraft des „bauchgefühls“ auch in der ökonomie als wichtigster mechanismus für entscheidungen anerkannt. Trotz bester ausbildung und wissensfundierter, rationaler überlegungen reden unsere urinstinkte und unsere erfahrungen unbewusst mit, wenn wir zwischen verschiedenen möglichkeiten wählen können. Was bedeutet dies nun aber für den recruiting-prozess?

Jobsuche50+_Minardi_aehnlichDie problematik entsteht nach der erwähnten these im menschlichen wahrnehmungsverhalten, genauer im ähnlichkeitseffekt. Demnach umgibt sich der mensch instinktiv lieber mit personen, die ihm ähnlich sind. Eine große rolle spielen hier die soziale oder geographische herkunft, wertvorstellungen, sprache, und auch das alter. Es wäre sicher interessant, die altersstruktur in den personalberatungsfirmen bzw. den hr-abteilungen von unternehmen zu untersuchen, um festzustellen, ob hier tatsächlich ein zusammenhang besteht.

Meine persönliche wahrnehmung bestätigt diese these. Alle jobinterviews, zu denen ich bisher eingeladen wurde, wurden, mit einer einzigen ausnahme, von recruitern derselben altersgruppe, der auch ich angehöre, geführt. Darüber hinaus gibt es noch eine parallele: alle, auch die jüngere person, waren repräsentanten kleinerer bis mittlerer unternehmen, personalberatungen oder selbständige, d.h. nicht in relativ komplexen strukturen, wie sie große firmen meist haben, verhaftet. Schlägt also der ähnlichkeitseffekt tatsächlich zu?

Ein weiterer indikator für diese annahme könnte in diesem zusammenhang auch sein, dass mein lebenslauf nicht ganz stringent verläuft. Daraus leite ich ab, dass kleinere unternehmen eher mit individualismus umgehen können, als komplexe systeme. Andersartigkeit wird nicht nur im beruflichen umfeld oft als bedrohung wahrgenommen, also holt man sich am besten immer wieder die gleichen leute ins boot, damit die besatzung weitgehend uniform bleibt, keine meinungsverschiedenheiten auftauchen und der kahn ohne anstrengung steuerbar ist. Außerdem rutschen nicht lineare lebensläufe leichter aus elektronischen vorauswahlsystemen großer firmen heraus, weil sie nicht angepasst und daher nicht so gut auswertbar sind.

In einigen wenigen begegnungen wird also beurteilt, ob ein kandidat oder eine kandidatin ins unternehmen passt. Da wahrnehmung durch das unbewusste und/oder bewusste filtern und zusammenführen von teil-informationen zu subjektiv sinnvollen gesamteindrücken geschieht, die laufend mit den als innere vorstellungswelt gespeicherten konstrukten oder schemata abgeglichen werden, kann das ergebnis also weder als wahr oder falsch bezeichnet werden. Ob die entscheidung für eine person dann für beide seiten tatsächlich funktioniert, stellt sich erst zu einem viel späteren zeitpunkt heraus.

Ist also tatsächlich das alte Sprichwort „gleich und gleich gesellt sich gern“ ein hemmschuh für diversität auch in der altersstruktur? Sind wir vom selben effekt betroffen, dem xenophobie entspringt? Ein gruseliger und provozierender gedanke, aber eine spannende these, die zum nachdenken anregt.

Erdumspannenden gruß
Roswitha

 

Rede der Age Discrimination Commissioner Susan Ryan vor dem Australian National Press Club
http://ab.co/1ARIgGN

„Wir glauben nur, was wir sehen – leider sehen wir nur, was wir glauben wollen“
www.rhetorik.ch/Wahrnehmen/Wahrnehmen.html

Copyright Foto : Pavel Losevsky

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