Arbeitsmarktsituation

„Die braucht ihr uns gar nicht schicken“ – das Senioritätsprinzip hat ausgedient


Am 12. September 2014 besuchte ich im rahmen des tages der offenen tür beim bfi Wien eine spannende podiumsdiskussion mit hochkarätiger besetzung zum thema „Arbeiten über 50 – Braucht es ein Generationenmanagement in Unternehmen?“ der volle saal machte die dringlichkeit dieses themas deutlich.

Tag der offenen Tür 2014 am BFI WienUnter der leitung von moderatorin und Puls4 Info-Chefin Corinna Milborn diskutierten

  • Prof. Dr. Bernd Marin, Sozialwissenschaftler, Executive Director des mit der UNO verbundenen European Centre for Social Welfare Policy and Research
  • Maga Sabine Mlnarsky-Bständig, Vice President Human Resources der Austrian Airlines
  • Mag. Herbert Korvas, Sozial- und Berufspädagoge, Coach, Systemischer Therapeut und Lehrgangsleiter des Diplomlehrgangs „Generationenmanagement“ des BFI Wien
  • Mag. Franz-Josef Lackinger, Geschäftsführer des BFI Wien

 Das waren für mich die kernaussagen:

  • Das herrschende entlohnungs- und pensionssystem ist überaltet und nicht flexibel genug für die derzeitigen gegebenheiten, weder aus sicht der wirtschaft, noch aus jener der arbeitnehmer.
  • Es gibt keinen signifikanten leistungsunterschied zwischen jungen und älteren mitarbeitern.
  • Sowohl unternehmen als auch personaberatungsfirmen lehnen unbesehen bewerbungen von personen 50+ ab. Der grund dafür sind die mit dem alter korrelierenden personalkosten.
  • Die allgemein vorherrschende einstellung gegenüber älteren arbeitnehmern muss sich ändern: in der politik, bei den sozialpartnern, in der wirtschaft. Doch auch jeder einzelne (arbeitnehmer, -suchende) ist aufgerufen, änderungen anzustoßen und bei sich selbst zu beginnen.
  • Krankheitsprävention ist eine managementaufgabe.

Tag der offenen Tür 2014 am BFI WienProf. Dr. Bernd Marin kritisierte u.a., dass im derzeitigen pensionssystem die altersinflation in keinster weise berücksichtigt wird. Er verglich sehr plakativ einen greisen Goethe im alter von 50 jahren mit dem 71jährigen Mick Jagger von heute. Zu zeiten des dichterfürsten lag die durchschnittliche lebenserwartung bei 35 jahren, heute sind es 82 jahre!

Das in österreich angewendete lohn- und gehaltssystems stammt aus der nachkriegszeit, einer epoche des mangels, und baute auf wachsenden wirtschaftsdaten auf. Seit 1960 ist die durchschnittliche lebenserwartung nun aber um mehr als 12 jahre angestiegen, die entlohnung und alterssicherung wurden nicht entsprechend angepasst. Prof. Marin ist der meinung, dass dieser entwicklung durch das angebot flexiblerer arbeitszeiten und ausgleichender lohnkostenmodelle entschärft werden kann.

Tag der offenen Tür 2014 am BFI WienMaga. Mlnarsky-Bständig berichtete von ihren erfahrungen aus dem arbeitsalltag bei Austrian Airlines. Sie stellt keine signifikanten qualitätsunterschiede zwischen jungen und alten arbeitnehmern fest. Ihre wahrnehmung ist, dass ältere mitarbeiter durch langjährige erfahrung flexibler auf veränderungen reagieren. Den oftmals kolportierten anstieg der krankenstände mit fortschreitendem alter kann sie nicht bestätigen, es gibt hier keine unterschiede zwischen den generationen. Das vorschieben weicher faktoren (bildungsresistent, unflexibel, viele krankenstände) ist deshalb gängige praxis, da über geld und kosten nicht gerne geredet wird. Und mitarbeiter der babyboomer-generation kosten nun einmal das doppelte verglichen mit berufsanfängern. Hier sieht sie dringenden handlungsbedarf und die notwendigkeit des umdenkens in politik und bei gewerkschaften. Ihre vorschläge: abschaffung der mit dem lebensalter korrelierenden lohnkosten; flexible arbeitszeitmodelle , welche die durchrechnung der ASVG-pensionen nicht negativ beeinflussen.

Mag. Lackinger bemerkte, dass das herrschende gehaltsschema „zwangsehen“ zw. arbeitnehmer und arbeitgeber hervorbringen. Die langjährige zugehörigkeit zu einem unternehmen sei oft der hemmschuh für veränderungen, da ein jobwechsel mit finanziellen einbußen verbunden ist.

Mag. Korvas kommentierte, dass große und namhalfte firmen organisiert ältere arbeitnehmer aussortieren. Diese wahrnehmung wurde aus dem auditorium bestätigt. Ein personalvermittler berichtete von kunden, die explizit keine bewerber 50+ in die auswahl aufnähmen. „Die braucht ihr uns gar nicht schicken.“, so der o-ton.

Tag der offenen Tür 2014 am BFI WienDie bewußstseinänderung wird aber schon gezielt in angriff genommen. Das bfi bietet z.b. einen diplomlehrgang für „Generationenmanagement“ an. Die hohen kosten für ältere arbeitnehmer, welche einhellig als – von der wirtschaft verdeckter oder offengelegter – hauptgrund für den erschwerten verbleib oder wiedereinstieg in die beschäftigung der generation 50+ identifiziert wurden, werden zwar in diesem lehrgang auch nicht gelöst, doch ist er einer der vielen impulse in richtung umdenken.

Beim verlassen des gebäudes am Alfred-Dallinger-Platz 1 begleitete mich folgender gedanke: die lage ist bescheiden, aber nicht hoffnungslos. Und dann fragte ich mich, ob vielleicht sogar der einstmalige sozialminister und gewerkschaftsführer der privatangestellten höchstselbst aus anderen sphären der podiumsdiskussion interessiert zugehört hat …

Mit dennoch hoffnungsfrohem gruß
Roswitha

 

APA, Großer Besucherandrang beim Tag der offenen Tür 2014 am BFI Wien http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20140913_OTS0010/grosser-besucherandrang-beim-tag-der-offenen-tuer-2014-am-bfi-wien-bild

Die Presse, 25.08.2014 Pensionen: Hundstorfer gegen AMS-Vorschlag http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/3859681/Pensionen_Hundstorfer-gegen-AMSVorschlag-?from=suche.intern.portal

Lehrgang Generationenmanagement: http://www.bfi-wien.at/suche/kurs/Diplomlehrgang%20ExpertinExperte%20f%C3%BCr%20Generationenmanagement/07100/1444/C/

Fotos: APA Fotoservice, Schedl

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