Psychische Belastungen

Wie managt man ein „Zuviel“ an Zeit?


„Mah! Du hast’s gut! Du hast jetzt sooo viel zeit!“ Dieser satz wurde mir von einer lieben freundin mit ehrlichem neid durch’s telefon geschickt. Sie ist vollzeit berufstätig, hat familie, einen hund, ein haus mit garten und überraschenderweise auch noch hobbies. Ich nahm es ihr nicht übel, dass ihr erster gedanke „bezahlter langzeiturlaub“ war.

Neben der bereits im beitrag über die „Parias“ beschriebene reaktion des raschen flüchtens wegen angst vor ansteckung, ist auch der neid auf die vermeintlich über gebühr vorhandene freizeit eine häufig auftretende reaktion auf die mitteilung, dass man auf jobsuche ist. Doch das ist sehr kurzfristig gedacht. Ok, der wecker läutet nicht mehr jeden tag um dreiviertel sechs und man ist auch schon vor neunzehn uhr immer wieder mal daheim. Doch wie sieht so ein tagesablauf einer arbeitssuchenden tatsächlich aus?

Anfangs mag es ja durchaus so sein, dass man sich diebisch daran erfreut, sich wieder umdrehen und weiterschlafen zu können, wenn man durch jahrelange konditionierung um die zeit wach wird, zu der bisher der wecker unbarmherzig geläutet hat. Doch nach und nach macht dieses stück freiheit ein schlechtes gewissen. Vor allem dann, wenn der biorhythmus eher auf „morgenmuffel“ eingestellt ist, man die gewonnenen minuten im bett wirklich genießt und es sich ab und zu großzügig erlaubt, in den tag hineinzubummeln. Spätestens dann fängt ein teufelskreis an.

Jobsuche50+_Minardi_EngerlJobsuche50+_minardi_bengerl„Ach geh, ist doch egal, ob Du jetzt aufstehst, auch wenn es schon fast 08:00 uhr ist. Hast Du schon mal aus dem fenster gesehen, wie es draußen schüttet? Was willst Du denn jetzt schon aufstehen, wo’s hier doch grad so kuschelig ist?“
„Also wirklich! [strenger blick] Genug gefaulenzt! Schau, dass Du aus dem bett kommst, schlafmütze! Du hast genug zu tun. Denk an das sichten der neuen stellenangebote, das staubsaugen, das schreiben an die gemeinde, den anruf bei …“
„Jetzt sei doch nicht immer so! Lass sie doch noch schlafen. Das läuft doch alles nicht davon und der tag hat noch viele stunden. Sie hat sich’s verdient.“

Die beiden, die diesen dialog über mein kopfkissen hinweg führen, sind „Engerl“ und „Bengerl“. Sie begleiten mich schon ein leben lang und kennen meine stärken – und vor allem schwächen – in- und auswendig. Wir drei haben uns über die jahre gemeinsam weiterentwickelt und kaum habe ich eine methode gefunden, um mich von dem hickhack unabhängig zu machen, zieht vor allem „Bengerl“ blitzschnell wieder nach. Sie ist eine meisterin in strategieentwicklung und hat eine doppelprofessur in angewandter psychologie. Wenn mein widerstand gegen ihre süssen einflüsterungen zu stark wird und ein sieg von „Engerl“ dräut, dann holt sie gerne auch noch ihren lieblingskampfgefährten, den schweinehund, zu hilfe.

Kein leichtes gefecht, wenn es mal hart auf hart geht. Und doch ist es mir wieder einmal gelungen, „Engerl“ triumphieren und „Bengerl“ alt aussehen zu lassen. Ich habe einen wochenplan gestrickt und mir ein zeitkorsett geschnürt. Ein korsett wirkt stützend und verleiht kontur, sonst kommt man, oder in diesem fall der alltag, einfach aus der form und das geht gar nicht!

Der plan sieht so aus, dass ich

  • Jobsuche50+_Minardi_Prioritätenmatrixeine fixe aufstehzeit definiert habe – da fährt die eisenbahn drüber!
  • wie im job meinen tag nach aufgaben einteile – das kann ein ganz bunter strauß aus bewerbungen, gartenarbeit, netzwerken zur jobfindung, einkaufen, terminen, persönlicher buchhaltung und sport sein.
  • eine prioritätenliste führe – ganz einfach anzuwenden: die prioritätenmatrix nach Eisenhower
  • pausen mit einberechne – auch die zu planen ist ausgesprochen wichtig!
  • einen zeitpunkt als „arbeitsschluss“ definiert habe – den sehe ich allerdings nicht so streng, zumindest nicht hinten raus.

Idealerweise mache ich meinen wochenplan schon am freitag der vorwoche, dann kann es keine unliebsamen überraschungen mehr geben. Unvorhergesehenes kann man sowieso nicht planen und das habe ich ja auch im arbeitsalltag bestens bewältigt. Wichtig ist es, auch die familie mit in den plan einzubeziehen bzw. allen klar zu machen, dass man diesen ernst nimmt. Dann wird er auch von anderen ernst genommen und gedankenlosen störungen durch kinder und/oder partner wird vorgebeugt.

Eigentlich unterscheidet sich das zeitmanagement im privaten bereich durch nichts von dem im berufsleben. Erfahrungsgemäß kann ich sagen, dass es im privaten bereich noch einen deut strenger gehandhabt werden muss, als im job, damit daraus tatsächlich ein wirksames instrument zur persönlichen tagesplanung wird. Im privaten ist man weniger fremdgesteuert und von außen kontrolliert, als im beruflichen kontext, also muss man sich den rahmen umso fester stecken. Schlagwort: selbstdisziplin! Umsetzten muss man die planung dort wie da und in den meisten fällen liegt schon in dieser simplen tatsache die krux des scheiterns.

Womit wir wieder bei meinen ständigen begleiterinnen wären. „Engerl“ strahlt seither jeden morgen, wenn der wecker läutet und klopft mir lobend auf die schulter. „Bengerl“ geht auffallend häufig mit dem schweinehund gassi. Ich bin mir sicher, die beiden arbeiten auch schon intensiv an einem plan: einem sabotageplan!

Planvolle grüße Roswitha

Wie so oft auch diesmal wieder ein paar interessante links:
http://das-unternehmerhandbuch.de/2010/09/20/prioritaeten-setzen-bei-der-tagesplanung-so-gehts/
http://www.firmenhilfe.org/online-beratung/praeventiv/work-life-balance/tools/prioritaetenmatrix

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